Auf der Landkarte sieht es aus, als wäre Hermannsburg nur einen Katzensprung von Alice Springs entfernt – so weit wie der Uluru, zum Beispiel. Doch der Katzensprung sind nicht weniger als 120 Kilometer. Für australische Verhältnisse nichts.

Bei bestem Frühlingswetter fahre ich los in die rote Weite – über mir der strahlend blaue Himmel. Allein die Farben machen in diesem Fall schon ein gutes Foto. 1982 wurde das Land, auf dem die Missionsstation steht, an die Aborigines der Region zurückgegeben. Der Ort heißt heute Ntaria – und es wohnen Angaben zufolge etwa 200 Aborigines dort.

Dort angekommen begegne ich Kathie, einer älteren Australierin. Sie ist aus Adelaide hier und erzählt mir, dass ihre Eltern Ende der 1920 er Jahren für ein paar Tage die Missionsstation besucht haben und in ihrer Gemeinde in Adelaide darüber berichtet haben. Sie schüttelt den Kopf als wir zusammen den Wohnraum besichtigen. “Stellen Sie sich doch mal vor, hier so abgeschnitten zu leben! Ohne Handy und eMails, ohne Autos und Flugzeuge! Und ständig bedroht von Wassermangel und Hunger!”

Während ich so über das Areal gehe, in die Kirche reinschaue, mir das Totenhaus ansehe, da formen sich langsam Teile der Geschichte.  Ich schließe die Augen und um mich herum erwacht der Ort zum Leben. Vor den Hütten rauchen Feuer, in der Kirche hallt die Stimme des Missionars. Zwei so verschiedene Welten prallen aufeinander, zwei Welten, zwei Zeiten – zwei völlig unterschiedliche Auffassungen von Gott.

Zurück in Alice Springs durchforste ich die Buchläden nach Büchern über die Legenden der Aborigines. Ich treffe übrigens auch Kathie wieder. Sie winkt mir aus einem Restaurant herüber. “Meine Mutter wäre übrigens gerne für eine zeitlang dort geblieben”, sagt sie mir. “Sie wollte als Lehrerin arbeiten, wurde dann aber krank. Hatte es mit der Lunge.”

Das speichert sich in meinen Schriftstellergehirn.