Es sind die Farben, die mich umwerfen. Die Felsen in Alice Springs leuchten am Abend wie flüssiges Eisen.  Da denke ich zum ersten Mal an den Titel. Leuchtende Berge? Nein, das ist es noch nicht. Es ist still, die Luft riecht würzig nach Eukalyptus. Am liebsten würde ich einfach hier bleiben, denke ich. Eine ganz besondere Ruhe geht von diesen Felsen aus, die Welt ist so weit weg, genauso wie das Diktat der Zeit.

Als ich am nächsten Tag in einem kleinen, klapprigen Bus sitze und mich mit Touristen durch die nähere Umgebung fahren lassen, erzählt die Busfahrerin die Story, die ich auch von dem Hostal-Betreiber und der Frau hinter der Bar am vergangenen Abend gehört habe. Sie alle sind einfach nur mal hier vorbeigekommen – und dann geblieben.  Weil sie irgendwas gefunden haben. „Die Ruhe“, meint Tracy, die Busfahrerin, „und dass hier jeder so verrückt sein kann, wie er will.“ Das brauch ich mir nicht zu notieren, das merk ich mir.

Noch weiß ich nicht viel von meinem neuen Buch. Die Location, die Zeit ungefähr. Aber das war es auch schon. Nach Hermannsburg fährt der Bus nicht, dafür muss ich mir ein eigenes Auto mieten.

In Alice Springs selbst stöbere ich durch die vielen Galerien, die Aborigine-Künstler ausstellen. In den 1970er Jahren stießen weiße Galeristen auf die Kunst der Einheimischen und brachten sie vom Busch in die Städte. Ein wahnsinniger Boom entstand. Bilder begannen sechsstellige Dollar-Summen zu erzielen. Galeristen gingen in den Busch und brachten den Menschen Farbe und Leinwand, erzählt mir Andrew, ein Galerist. In seiner kühlen Galerie holt er mir ein Buch und schlägt eine Seite auf. Das Bild ist in meinen Augen eine Mischung aus expressionistischen und naiven Elementen. Ich erkenne die Felsen der Gegend, das weite Land. Und, frage ich? Das Bild ist von Albert Namatjira, einem der bekanntesten australischen Maler. Was macht ihn so besonders?, will ich wissen. Weil er die Art der europäischen Malerei erlernte und mit seiner Sicht verband. Als ich mir die Bilder von weißen Malern in dieser Zeit ansehe, begreife ich, was Andrew meint.

Es sind die Farben, die Namatjira genau trifft – die die anderen Maler vielleicht auch gar nicht zu verwenden wagen. Lila Felsen? Gelbe Büsche?

Ja, es ist die Landschaft, die man sieht, wenn man die Augen in der hellen Sonne ein wenig zusammenkneift, australischer Impressionismus. Ich wusste: in meiner Geschichte brauche ich einen Maler, ein wenig wie Albert Namatjira, aus seiner alten Welt gerissen, in der neuen nicht wirklich heimisch, sehr erfolgreich und tragisch in seinem Leben.

Albert Namatjira wurde 1902 in der Missionsstation Hermannsburg geboren. In diesem Augenblick überläuft mich dieser Schauer, der bei mir immer am Anfang eines neuen Romans steht. Es ist vielleicht wie das Gefühl, wenn man eine Tür zu einem unbekannten Raum öffnet und sich dahinter erst mal nur Dunkelheit ausbreitet. Aber man spürt schon einen Lufthauch, riecht vielleicht etwas, sieht etwas schimmern. Dort ist eine unbekannte, geheimnisvolle Welt und ich muss nur hinsehen und hinhören und der Spur folgen.

Teil 3 folgt

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